Gegendarstellung zur Sendung „Planet Wissen – Voll Fett …“

Am 20.11.2017 strahlte die ARD die Sendung „Planet Wissen: Voll Fett – Zur Ehrenrettung eines wichtigen Nährstoffs“ aus.

In dieser Sendung wird behauptet, dass in den Industriestaaten immer weniger Fett gegessen wird und trotzdem die Zahl der Fettleibigen und Herzkranken weltweit seit den 1950er-Jahren steigt. Fettleibigkeit und Herzerkrankungen steigen, soweit ist das richtig. Aber es stimmt leider nicht, dass weniger Fett gegessen wird. Wie in dem Link der Weltgesundheitsorganisation WHO nachzulesen, ist es nachweislich mehr geworden!

Auch macht man es sich wieder einmal recht einfach und schiebt die Schuld auf die Kohlenhydrate. Es ist richtig, dass ein Zuviel an Kohlenhydraten im Körper in Fett umgewandelt und gespeichert wird. Aber auch zu viel Fett wird gespeicher! Ein Zuviel, egal in welcher Form, ist niemals gut für den Körper.

Warum ist das so? Früher waren die Menschen Jäger und Sammler (genetische Herkunft). Nahrung war nicht immer sofort verfügbar und unsere Vorfahren mussten weite Wege zurücklegen für die Nahrungssuche. Unser Körper hat sich über tausende von Jahren daran angepasst und ist in der Lage, zu viel zugeführte Energie zu speichern. Dabei unterscheidet er nicht zwischen Fett und Kohlenhydraten, er nimmt sich, was er bekommt und legt es als Reserve für den Notfall an.
Dabei ist Fett ergiebiger: 100 Gramm Fett enthalten etwa doppelt so viele Kalorien wie 100 Gramm Kohlenhydrate. Die Gefahr in eine Überdosierung zu kommen, ist also bei Fett höher. Unsere heutige Lebensweise in den Industriestaaten ist unserem Körper nicht mehr angepasst. Wir bewegen uns in der Regel zu wenig und essen zu viel und Ungesundes.

Das Beispiel mit der jungen Studentin habe ich nicht verstanden. Was sollte der Selbstversuch beweisen? Dass es einem nach ein paar Wochen fettreicher Nahrung besser geht? Dass man mit einem höheren Fettgehalt in der Nahrung nicht zunimmt? Dass der Cholesterinspiegel sich nicht erhöht?
Das Gewicht lässt sich über die Nahrungsmenge und Lebensweise regeln. Es ist dabei unerheblich, ob die Nahrung durch Fett oder Kohlenhydrate aufgenommen wird. Die Folgen des Versuchs auf den Cholesterinspiegel und die Blutgefäße sind in einem so kurzen Zeitraum nicht aufschlussreich genug. Außerdem müssten viele andere Faktoren mitberücksichtigt werden: Was wurde gegessen? Wie viel wurde gegessen? Die Lebensweise (Kalorienverbrauch, Grundumsatz) spielt eine Rolle und genetische Veranlagungen, zum Beispiel Nährstoffaufnahme- und verwertung des Körpers.

Leider wurde in der Sendung viel zu wenig auf die Wirkung der Fette in Bezug auf die
koronare Herzkrankheit (KHK) und die Blutgefäße (Arterien, Endothel) eingegangen. Denn hier ist durchaus eine schädigende Wirkung der Fette nachgewiesen. Ich verweise hier u. a. auf die Studien von T. Colin Campbell „China Study“ und Caldwell EsselstynEssen gegen Herzinfarkt (Original Prevent and Reverse Heart Disease)“.

Das Beispiel mit dem Herzpatienten der Reha-Klinik, in der den Patienten zwei Ernährungsweisen angeboten werden, ist ohne Aussagekraft. Begründung: Der genannte Patient hatte sich für die „normale“ fetthaltige Ernährungsweise entschieden. Seine Blutwerte (Cholesterinspiegel) waren seiner Aussage nach gut. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass ein Mensch kurz nach einem Herzinfarkt und während des Aufenthalts in der Reha-Klinik noch Cholesterinsenker nimmt. Der Cholesterinspiegel wurde somit also mit Medikamenten eingestellt, wodurch die Ernährungsweise in Bezug auf den Cholesterinspiegel folglich keine Rolle spielt. Die Werte der anderen Gruppe, die sich fettarm ernährt, werden wahrscheinlich genauso gut sein, da wahrscheinlich alle Patienten der Reha-Klinik diese Medikamente
einnehmen.

Diese einseitige Darstellung verleitet zu einer ungesunden Ernährungsweise und
suggeriert Fett sei gesund. Aber auch für Fett gilt das gleiche wie für Kohlenhydrate,
es kommt auf die Zusammensetzung und Menge an. Fett ist nicht gleich Fett und Kohlenhydrate nicht gleich Kohlenhydrate. Wieder einmal wird etwas pauschalisiert und der Zuschauer dadurch in die Irre geführt. Bei solchen Sendungen darf man sich dann nicht wundern, wenn Menschen die falschen Schlüsse ziehen.

2 Gedanken zu „Gegendarstellung zur Sendung „Planet Wissen – Voll Fett …“

  1. Hallo Jörg,

    ich habe es mir auch mal angetan, den Beitrag ausschnittsweise anzusehen und bin entsetzt, was dieser Tage in den öffentlich-rechtlichen Medien als Wissenschaft verkauft wird. Da kommt dann genau ein (!) Ernährungswissenschaftler vor, der tausende Bücher damit verkauft, dass er den Leuten erzählt, dass sie an ihrer Vorliebe für Fettiges nichts ändern müssen. Wie unvoreingenommen und neutral ist der wohl? Warum wurde nicht jemand von der DGE gefragt, die zwar auch nicht über der Kritik steht, aber sich zumindest grundsätzlich an der aktuellen Studienlage orientiert? Natürlich darf auch die Legende vom angeblichen Wissenschaftsfälscher Ancel Keys nicht fehlen, bei der immer zwei verschiedene Studien durcheinander geworfen werden. In Wahrheit war Keys ein Pionier der epidemiologischen Forschung und hat bei einer Studie als guter Statistiker völlig zu recht die Datensätze einzelner Länder gestrichen, weil die durch nachkriegsbedingten Mangel und Migrationsbewegungen nicht mehr brauchbar waren. Die Tausenden von Studien, die Keys‘ schließlich gefasste Hypothese vom Zusammenhang zwischen dem Konsum gesättigter Fette einerseits und Cholesterinwerten und koronaren Herzerkrankungen andererseits in der Folge bestätigten, bleiben einfach unerwähnt. Diese Studien mündeten sogar in einer Formel, der Hegstedt-Gleichung, die sehr genau voraussagt, um wieviel Prozent der Cholesterinwert je zusätzlichem Prozent gesättigter Fette in der Nahrung ansteigt.

    Aussage wird an Aussage gereiht, ohne einen einzigen Beleg. (Wie z.B. die, dass einer Ernährung ohne besonders fettreiche Lebensmittel viele wichtige Nährstoffe fehlen würden.) Es wird verschwiegen, dass der Körper zwar Fette braucht, aber die meisten davon auch selbst herstellen kann und sie keineswegs über die Nahrung zugeführt werden müssen. (Woraus der Körper sie wohl herstellt? Na, aus den ach so bösen Kohlehydraten.) Essentiell sind nur die Omega-3-Fettsäuren. Und bei denen wird wieder so getan, als könne man die nur aus tierischen Produkten, insbesondere fettem Fisch bekommen. Dabei können die Körper von Fischen ebenso wenig Omega-3-Fettsäuren herstellen, wie es der menschliche Säugetierkörper kann. Fische nehmen die Omega-3-Fettsäuren aus Algen auf. Das könnten Menschen natürlich auch tun, aber auch die kurzkettigen Omega-3-Fettsäuren aus Leinsamen und Walnüssen reichen bei den meisten. Und Fische aus Aquakultur haben gar keine Omega-3-Fettsäuren, wenn sie kein Futter erhalten, das selbst welche enthält.

    In dem Ausschnitt mit der Reha-Klinik macht der Klinik-Leiter die nachweislich falsche Aussage, dass man mit Fett und Proteinen nie eine so große Insulin-Reaktion wie bei Kohlehydraten hätte. („Das kann gar nicht sein.“) Dabei löst nach dem Food Insulin Index FFI z.B. Steak (keinerlei Kohlehydrate) eine größere Insulinantwort aus als die kalorisch gleiche Menge Nudeln (fast nur Kohlehydrate). Abgesehen von den Problempunkten, die Du ja schon für die Aussagekraft dieses Klinik-Beispiels gegeben hast, ist ja auch nicht erkennbar, wie viel Fett denn die Patienten tatsächlich jeweils vor und während des Klinik-Aufenthalts zu sich nahmen. Da ja in der Klinik die bösen Kohlehydrate verbannt werden, fallen auch alle Nahrungsmittel weg, die reichlich Fett *und* Kohlehydrate enthalten, also z.B. Sahnetorte, Sahneeis, Pommes Frittes, Kuchen und süße Backwaren aller Art. Es ist also nicht mal auszuschließen, dass die Klinikgäste insgesamt nicht nur weniger Kohlehydrate, sondern auch weniger Fett zu sich nehmen, bei gleichzeitiger Steigerung des Ballaststoffanteils durch die energiearmen Gemüsesorten. Dann wäre auch eine Verbesserung ihrer Cholesterinwerte überhaupt nicht verwunderlich. Aber wer braucht schon Daten, Werte und Zahlen, wenn man mit rein suggestiven Aussagen operieren kann?

    Es ist vielleicht kein Zufall, dass dieses Verwirrstück im Auftrag des BR produziert wurde. In Bayern ist die Agrarlobby besonders einflussreich, und die industrielle Agrarwirtschaft kann umso mehr absetzen, je mehr tierische Produkte die Menschen konsumieren. (Selbst Getreide- und Maisbauern profitieren davon, denn ihre Produkte dienen überwiegend als Tierfutter.) Und selbst wenn diese Vermutung nur eine Verschwörungstheorie meinerseits sein sollte, dürfte sicher eine Rolle spielen, dass sowohl die Mehrzahl der Journalisten als auch die der Zuschauerinnen und Zuschauer selbst Tierverbraucher sind, und einfach gerne Gutes über ihre (schlechten) Gewohnheiten hören.

    • In einem Punkt muss ich mich korrigieren: Es werden doch auch Rapsöl und Walnüsse als pflanzliche Omega-3-Quellen erwähnt. Den Teil hatte ich beim ersten Durchsehen verpasst. Anschließend wird aber nur auf Fisch eingegangen und wie gesagt bleibt unerwähnt, dass Fisch aus Aquakultur sehr arm an Omega-3 sein kann. Geschrotete Leinsamen und Chiasamen bleiben als absolut verlässliche und arterienfreundliche Quellen leider ebenso unerwähnt.

      Ich selbst hätte noch erwähnen können, dass Ancel Keys hundert Jahre alt wurde, während der Urvater der Low-Carb- und High-Fat-Ernährung, Robert Atkins, zu Lebzeiten mindestens 20 Kilogramm Übergewicht hatte und mit 73 verstarb. Seine öffentlich gewordene Krankenakte bescheinigte ihm eine Geschichte von Herzinfarkt und Herzinsuffizienz. Seine Witwe und die Atkins-Organisation machten dafür eine Virusinfektion verantwortlich, die jedoch durch nichts belegt werden kann. (Eine Autopsie wurde von der Witwe abgelehnt.)

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