Der Bauer Bämmann

Im September 2015 erwarb ich das Buch „Geschichtliches Heimatbuch des Bezirkes Döbeln“ von Emil Reinhold aus dem Jahr 1925 im Original. Beim Lesen fiel mir der Name des Bauern Bämmann auf. Ich vermute hier eine Verwandtschaft mit den Bemmanns und
somit zu den Bemmés.

Wir befinden uns im Jahr 1813 zur Zeit der Befreiungskriege. Preußen und Russland kämpften in dem Gefecht bei Gersdorf gegen Napoleon. Gersdorf, heute ein Stadtteil von Hartha, ist der Ort, an dem meine Vorfahren über viele Generationen gelebt haben. Der folgende Text ist wörtlich, mit der damals üblichen Schreibweise, aus dem Buch übernommen:

Unschuldig zum Tode verurteilt
Wer an der Heerstraße wohnte, wurde von Freund und Feind ausgesogen bis zum letzten
Tropfen, alle plünderten um die Wette. Hatten da vor wenig Tagen Franzosen in der
Wustung zwischen Schönerstädt und Langenau ein Räuberlager eingerichtet darinnen sah es aus, wie in einem Rabenneste. Der Bauer fluchte, das Gesindel lachte, wenn ein guter Fang geglückt war. Kein Wunder, daß mancher heißblütige Selbsthilfe übte und am einzelnen rächte, was die Gesamtheit verschuldet hatte. General Stroganow war in der Morgenfrühe des 16. Oktober am Gasthof „zur wilden Sau“ vorübergezogen, um die Mittagsstunde folgte Dochtorow, am Nachmittag der Troß der Nachzügler. Da es von der „Sau“ bis nach Schönerstädt hinein nur ein Katzensprung ist, schwenkten öfters einzelne Kosaken oder Baschkiren seitwärts ab zum Plündern. Recht einladend lag das Gut des Bauers Bämmann am Wege. Dieser gab gutwillig was er hatte, wurde aber der Eindringling frech, dann straffte sich seine sehnige Gestalt, aus den Augen brachen Feuerflammen. Dieser Anblick lud nicht ein zum Kampfe Mann gegen Mann; der Fremde zog lieber knurrend ab.

An Nachbar Weinerts Tor schlug donnernd eine Lanze. Es war ein Kosak, der stellte seinen Gaul auf die Tenne, warf ihm eine volle Garbe vor und ging dann auf Beute aus. Von der Haustür aus sah ihm mit wutverzerrtem Gesicht des Bauers Sohn Andreas zu. Der Russe sprang herzu und wollte ihm die dicke Aermelweste vom Leibe reißen. Ein Pfiff. Freund Thiele war im Nu zur Stelle, beide packten zu, schleuderten den Spitzbuben in den Teich und versetzten ihm mit der Stange einen Schlag auf den Kopf, daß er untersank. Mit den verrauchenden Zorn dämmerte die Erkenntnis des unsinnigen, höchst
gefährlichen Streiches, den sie begangen, liefen zu den Vätern und erzählten die Untat. „Flieht nach Leisnig, sonst seid ihr verloren.“ Mit einigen Notgroschen versehen, stürzten sie davon.

Der Russe war nicht untergegangen, sondern aufgetaucht ans Ufer gewaten, hatte sein Pferd bestiegen und war triefend an die „Sau“ gesprengt, wo seine Offiziere zechten. Ihnen und den Kameraden erzählte er, was ihm im Dorfe widerfahren. Blitzschnell saßen die Steppensöhne auf und galoppierten hinein.

Die Väter Thiele und Weinert wußten keinen anderen Helfer in der Not als den ehemaligen Hengstreiter Bämmann, der, vielgereist, am leichtesten mit Fremden umzugehen verstand. Der junge Bauer sagte schweren Herzens zu, ihm schwante Unheil. Kaum hatte er ein Stück des Feldweges hinter sich, flogen die zornigen heran. Des Bauern Gruß beantwortete ein Peitschenhieb, daß der Geschlagene aufstöhnte, dann zischte es immer zu. Sein junges Weib sah die Mißhandlung und schrie laut auf. Thiele und Weinert rannten zum Pastor Albrecht. Bei diesem war eben der Bruder zum Besuch, der der russischen Sprache wohl mächtig war. Der eilte mit hinaus. Der Offizier hörte sie höflich an und meinte: „Der Kommandeur wird entscheiden.“ Dessen Spruch lautete: „Für die entkommenen Missetäter nehmen wir den Abgesandten mit, stellen ihn vor ein Kriegsgericht und lassen ihn erschießen.“ Das Weib warf jammernd ein: „Er ist doch unschuldig.“ Der Oberst zuckte mit den Achseln: „Bringt ihr den andern, lassen wir diesen laufen.“

Es kam die Zeit zum Abmarsch. Dem Gefesselten wurde alles abgenommen, zuerst das Messer, dann hing man ihn zwischen zwei schmutzige Steppengäule und zerrte ihn fort nach Colditz zu. „Wir gehen mit“, hörte er noch den Ruf seines getreuen Weibes, der Freunde und des Bruders seines Pfarrers. Im Straßenkote stapfte der Unschuldige weiter, ihm war das Herz so schwer; einen Ausweg aus dem Wirrsal sah er nicht. Am Colditzer Markte geriet der Troß ineinander, der Gebundene bemerkte voll Freude, wie ihm ein Messer in die Tasche geschoben wurde. Hoffnung zog wieder ein, er fühlte die Nähe der Nachbarn.

Der Knäuel löste sich. Vorwärts ging es über Großbothen nach Grimma, in das nasse Strohhüttenlager. Eingezwängt zwischen die beiden Hütern verbrachte er die Nacht. Am nächsten Morgen kam Bämmanns heikle Angelegenheit vor dem Kriegsgericht zur Verhandlung. Die Richter glaubten, was er erzählte; jedoch: Harte Zeiten, harter Spruch: „Der Bauer wird zur Strafe für den Frevel, der in seinem Dorfe an einem unserer Soldaten geschehen ist, zum Tode durch Pulver und Blei verurteilt. Werden die Täter eingeliefert, geht er frei aus, wenn nicht, wird er am nächsten Morgen erschossen.“ Die Frau bat um Gnade. Half nichts; das Urteil blieb bestehen.

Nun gab es nur noch eine Möglichkeit, die Flucht. Die Schönerstädter schenkten den beiden Kosaken zwei Flaschen alten Korn und baten, sie möchten den Gefangenen freundlich behandeln, er sei doch unschuldig. Für guten Wutki sagten diese alles zu. Ein leises Flüstern beim Abschied: „Wir warten am Brandberg bei Großsteinberg.“ Ueber Naunhof wankte Bämmann mit nach Fuchshain, an dessen Abhang Lager bezogen wurde. Den Truppen mangelte es an allem. Nur zwei hatten einen guten Tropfen, die Hüter. Die fast leeren Flaschen im Arme, so nickten die beiden ein. Der Gefangene zerrte an seinen Banden; die Kosaken weckten auf, nahmen einen Schluck und schliefen wieder ein. Scheinbar absichtslos wälzte sich der Verurteilte herüber und hinüber, keiner gab mehr ein Lebenszeichen von sich. Jetzt war der rechte Augenblick da. „Heraus mit dem Messer!“ Die Riemen drangen tief ins Fleisch; er öffnete es nach langer Mühe und zerschnitt das zähe Leder. Vorsichtig schlich er hinaus, rutschte den Hang hinunter bis in das gurgelnde Wasser und tauchte schnell unter. Ein Posten hatte das Geräusch gehört und ein Schuß abgefeuert, der zwar fehl schlug, doch hieß es Vorsicht üben. Der Flüchtling faßte Weidenruten. Drei Uhr war’s. Nach Osten stand Bämmanns Sinn; er kam glücklich in den Naunhofer Wald, nun war ihm geholfen. Unter einem Reisighaufen erwartete er den hellen Morgen. Im Dickicht schlich er vorwärts und stand um 9 Uhr auf dem Brandberge. Aus dem Wolkenmeere tauchte verjüngt der goldene Sonnenball auf und wob um den glückseligen Bämmann und sein harrend Weib einen Mantel von glitzernden Fäden. Bei Leipzig erhuben die Geschütze ihre büllenden Stimmen. Napoleons langgetragenes Joch wurde von den Völkern Europas abgeschüttelt. Um Weihnachten kehrten die beiden Missetäter heim.